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Argentinien-Krise - Auswirkungen auf die Bevölkerung

Beitragsseiten
Argentinien-Krise
Geschichte der Krise
Auswirkungen auf die Bevölkerung
Auswirkungen auf die Volkswirtschaft
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3. Auswirkungen auf die Bevölkerung

Die Argentinien-Krise hatte eine allgemeine Verschlechterung des Lebensniveaus der argentinischen Bevölkerung zur Folge, die allerdings wegen der schnellen Erholung der Wirtschaft nur wenige Jahre andauerte.

3.1 Kaufkraftverlust und Verkleinerung der Mittelklasse

Der direkteste Effekt der Abwertung Anfang 2002 war der Verlust der Kaufkraft des argentinischen Peso. Im Jahr 2002 kam es zu einer Inflationsrate von 41 % (Konsumentenpreisindex IPC). Da diese nicht oder nur in sehr beschränktem Maße von Lohnerhöhungen aufgefangen wurden, sank das Reallohnniveau um 23,2 % [14]. In den Folgejahren war die Inflationsrate weiterhin hoch (zwischen 6 und 16 Prozent im Jahresvergleich), wegen der verbesserten konjunkturellen Lage konnten jedoch zum Teil starke Lohnerhöhungen erreicht werden, so dass der Reallohn wieder anstieg und im Jahr 2005 etwa wieder das Niveau von 2000 erreichte.

Besonders die mittleren Schichten, die in den 1990er Jahren ein relativ hohes Lebensniveau erreicht hatten, waren von diesem Kaufkraftverlust betroffen, ein Teil von ihnen fiel zeitweise sogar unter die Armutsquote (die sogenannten nuevos pobres, span. "Neu-Armen"). Bei der Oberschicht waren die Verluste nicht so hoch, da diese ihr Vermögen meist in Dollar angelegt hatten und auch ihre Löhne oftmals in Dollar ausgezahlt bekommen.

3.2 Anstieg der Armut und Unterernährung

Mit dem Kaufkraftverlust ging ein hoher Anstieg der Armutsquote von Werten um 15 % in den mittleren 90er Jahren über 25,9 % im Jahr 1998 auf ein Höchstniveau von 57,5 % [14] Mitte 2002 einher. Gleichzeitig hatten 27,5 % der Bevölkerung laut dem Statistikamt INDEC nicht genügend Einkünfte, um den Lebensmittelwarenkorb zu decken, was in Argentinien mit dem Begriff tasa de indigencia (Elendsrate) bezeichnet wird.

Dies bedeutet zwar nicht, dass dieser Teil der Bevölkerung von Hunger betroffen ist, da sich der Lebensmittelwarenkorb nicht am absoluten Minimum der notwendigen Kalorienzufuhr, sondern an einem Lebensmittelwarenkorb, dessen Zusammensetzung dem durchschnittlichen Lebensmittelkonsum des zweitärmsten Fünftel der Bevölkerung im Jahr 1986 entspricht[15]. Zudem gibt es zahlreiche Hilfsprogramme vom Staat und Nichtregierungsorganisationen. Dennoch kam es in einigen Provinzen zu einem Anstieg der Unterernährung insbesondere bei Kindern, am schlimmsten war die Provinz Tucumán betroffen, in der im Jahr 2002 mehr als 20 % der Kinder unter fünf Jahren Untergewicht hatten.

Nach dem Höhepunkt der Krise ging die Armutsrate langsam, aber kontinuierlich zurück und liegt im zweiten Semester des Jahres 2006 auf einem Niveau von 26,9 %, die Elendsrate liegt bei 8,7 %. [16].

3.3 Stagnation in der Verbesserung sozialer Indikatoren

Während sich zahlreiche wichtige Indikatoren in den 90er Jahren deutlich verbessert hatten, verschlechterten sie sich in den Folgejahren der Krise oder sie stagnierten, wie im Fall der Kindersterblichkeit, die im Gesamtzeitraum der Krise (zwischen 1998 und 2002) zwar leicht zurückging (von 19,1 auf 16,8 auf 1000 Lebendgeburten), aber im Jahresvergleich zwischen 2001 (16,3 Promille) und 2002 leicht anstieg. [16]

3.4 Zusammenbruch und erneute Expansion des Informellen Sektors

Argentinien hat besonders seit den 1970er Jahren einen starken Informellen Sektor, der in den 1980er und besonders den späten 1990er Jahren, als die Arbeitslosigkeit zum ersten Mal auf zweistellige Werte anstieg, stark anwuchs. In den Medien wurden vor allem die sogenannten cartoneros - Sammler von Karton und anderen recycelbaren Materialien - thematisiert, doch daneben gibt es eine große Anzahl von ambulanten Verkäufern und nicht registrierten Dienstleistern aller Art, den sogenannten changueros (etwa: Tagelöhner). Weiterhin sind ein Großteil der in kleinen Einzelhandelsbetrieben (z.B. Kiosken) Angestellten informell beschäftigt.

Wegen der Bargeldknappheit infolge des Corralito, das die Bargeld-Umlaufmenge aus Angst vor Kapitalflucht beschränkte, war Ende 2001 der informelle Sektor in eine sehr schwierige Situation geraten, die mit zur Explosion der Proteste an diesem Jahreswechsel beitrug. Dieser Sektor hängt vollständig vom Vorhandensein von Bargeld ab und sah sich in seiner Existenz bedroht.

Trotz der Bargeldkrise expandierte der informelle Sektor ab Anfang 2002 wieder, als die Arbeitslosigkeit durch die Nebeneffekte der Krise anstieg und viele Neu-Arbeitslose in den Informellen Sektor zwang.

Um diese soziale Tragödie abzufedern, führte Eduardo Duhalde den Plan Jefes y Jefas de Hogar, eine Minimal-Sozialhilfe für arbeitslose Familienoberhäupter ein, die zunächst 100, dann 150 Pesos betrug. Es gibt jedoch kein Recht auf diese Sozialhilfe, sondern nur in einer bestimmten Frist eingetragene Berechtigte können sie empfangen.

Nachdem sich die Situation des Arbeitsmarktes ab 2003 wieder entspannte, entstanden nach und nach wieder mehr formelle Arbeitsplätze, so dass die Bedeutung des Informellen Sektors leicht zurückging. Dennoch sind noch im Jahr 2007 mehr als 40 % der erwerbstätigen Bevölkerung nicht registriert. [16]

3.5 Tauschringe (Red Global de Trueque)

Schon in den 1990er Jahren war infolge der steigenden Arbeitslosigkeit eine große Anzahl von Tauschringen entstanden, in denen nicht nur Waren, sondern vor allem Dienstleistungen ausgetauscht wurden. Diese Aktivität nahm in den Krisenjahren stark zu. Die Marken der Dachorganisation der Tauschringe Red Global de Trueque (RGT), die Créditos, wurden ab 2001 zu einer inoffiziellen Komplementärwährung zum Peso. Eine unkontrollierte Expansion dieser Aktivität sorgte jedoch für ständige Abwertungen des Crédito durch die RGT, so dass das Tauschen nach der Erholung der Wirtschaft um 2003 immer weniger attraktiv wurde und so an Bedeutung verlor.

3.6 Expansion der Piquetero-Protestbewegung

Ab 1996 war wegen der steigenden Arbeitslosigkeit eine wachsende Anzahl von Straßenblockaden (span. piquetes) zu verzeichnen, die anfangs durch lose zusammengeschlossene Arbeitslose, später durch organisierte Gruppen, den sogenannten piqueteros, veranstaltet wurden. Diese Aktivitäten nahmen ab 1998 stark zu und sorgten zum Teil für erhebliche Verkehrsprobleme vor allem in der Hauptstadt Buenos Aires. Zur selben Zeit wurde die Bewegung von diversen Parteien infiltriert, die ihre eigenen Piquetero-Organisationen gründen, darunter besonders linke und sozialistische Parteien wie das Partido Obrero. Mit Hilfe dieser Zusammenschlüsse und durch den Druck ihrer Aktivitäten erreichten die Piqueteros einige ihrer Ziele, etwa die Versorgung mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, sogenannte planes trabajar.

2004 verbündete sich einer der bekanntesten Piquetero-Aktivisten, Luis D'Elia, mit der Regierung Néstor Kirchners und erreichte dadurch einige Zugeständnisse. Dies trug allerdings auch dazu bei, dass die Bewegung insgesamt an Aggressivität und damit auch an Bedeutung verlor, auch wenn ein großer Teil der Piqueteros auf Oppositionskurs zu Kirchner steht (insbesondere das Movimiento de Jubilados y Desocupados, geführt von Raúl Castells).

3.7 Vorübergehendes Wiederaufflammen der Landflucht und Verschlechterung der Wohnsituation

Eine kurzzeitige Folgeerscheinung der Krise war ein Wiederaufflammen der in den 1990er Jahren zurückgegangenen Landfluchtsbewegungen, von denen vor allem Menschen aus abgelegenen Randregionen betroffen waren, die sich in den informellen Siedlungen am Rand der Großstädte niederließen und versuchten, im informellen Sektor ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Dies führte jedoch nur zeitweise zu einer Erhöhung der Slumbevölkerung, da gleichzeitig bereits seit den 1990er Jahren eine Reihe von Bau- und Urbanisierungsprogrammen eingerichtet wurden (z.B. das Programa de Mejoramiento de Barrios, ein Programm zur Urbanisierung günstig gelegener Elendssiedlungen [17]) Nach der Wirtschaftserholung 2003 wurden diese Programme stark ausgeweitet, was in einigen Provinzen vermutlich zu einem starken Rückgang der Slumbevölkerung führte, auch wenn es dazu noch keine offiziellen Daten gibt. Gerade in der besonders stark betroffenen Provinz Buenos Aires, die auch die Randregionen der Landeshauptstadt umfasst, stagnieren die Werte jedoch weiterhin wegen des Fehlens einer koordinierten sozialen Baupolitik, so gibt es etwa im Gran Buenos Aires etwa 1,1 Millionen Bewohner von Elendsvierteln [18].



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